Lieber Gast, hier erfährst du wie Maruschyas Geschichten-Insel entstanden ist.


Die Geschichten-Insel  

 

Es war vor vielen Monden, und ist doch noch gar nicht lang her, da lebte im Land "Irgendwo“ eine Frau, die hatte in ihrem Leben gewaltige Mengen an Buchstaben angesammelt: gesprochene Buchstaben, gedachte Buchstaben, gelesene Buchstaben. Unzählige geträumte Buchstaben, gehörte Buchstaben, gesungene Buchstaben türmten sich ziemlich unsortiert auf. Aber auch geflüsterte Buchstaben, geweinte Buchstaben, gebetete Buchstaben, gemalte Buchstaben, und noch viele andere gehörten zu ihrer Sammlung.

Eines Tages dachte sie: „Es ist doch schade, dass all die schönen Buchstaben so völlig unbeachtet in einem stillen Winkel meines Kopfes ein Schattendasein führen. Ich will mich daran machen und alle Buchstaben herausholen und zusammentragen. Mal sehen, was ich damit anfangen kann…“

 

So begann sie, die vielen, vielen Buchstaben anzuhäufen. Es wurden immer mehr und mehr, es wuchs ein riesiger Berg daraus, der hoch aus dem grauen Meer der Eintönigkeit emporragte.

 

Staunend stand sie vor diesem Berg und betrachtete ihn grüblerisch. Aber nein, etwas ratlos schüttelte sie dann den Kopf - mit einem formlosen Berg war sie nicht zufrieden, das war irgendwie noch nicht das Richtige! Also kletterte sie hoch und schob die Buchstaben von der Bergspitze wieder  herunter, breitete sie zu ihren Füßen aus und glättete alles – und auf diese Weise entstand eine weite, feste Ebene, die einen Ankerplatz im Ozean der Eintönigkeit bot. 

 „Ja, genau das ist es.“, dachte sie, „Dies wird meine Insel, meine wunderschöne Buchstaben-Insel in den Wassern des Alltags!“

 

Als sie dann auf ihrer außergewöhnlichen Insel saß und das tragfähige Fundament all der Buchstaben ihres Lebens unter sich fühlte, war sie sehr dankbar und froh. Sie  wusste jedoch, dass ja täglich  neue Buchstaben dazu kommen würden. Wie sollte es weitergehen? Sie wollte nicht, dass ihre Insel immer höher und höher wuchs, bis sie schließlich doch zu einem Berg würde! Und sie mochte  auch nicht ständig alle Buchstaben wieder in die Breite schieben. Das wäre mühsam und langweilig. Es würde ja auch nichts Schönes daraus entstehen.

 

Da hatte sie eine Idee!

 

 Sie fing an, im Sand der vielen Buchstaben zu graben und zu buddeln, bis sie die richtigen Buchstaben herausgesucht hatte, und gestaltete  Wörter daraus. Die Wörter begannen zu tanzen, viele von ihnen wuchsen und fingen an zu blühen, andere trugen Früchte. Manche wurden zu Farben, zu Düften, zu Klängen, zu Gestalten. Sie fanden sich zu Sätzen zusammen, und aus den Sätzen reiften wie von allein Geschichten.

 

Ja, und so wurde aus einem einfachen, soliden Plateau aus gebrauchten Buchstaben schließlich die einzigartige, wunderschöne, bunte, schillernde, duftende, klingende, leuchtende Geschichten-Insel, an der die Hüterin der Buchstaben sogleich von Herzen ihre Freude hatte. Endlich waren all ihre angesammelten Buchstaben zu etwas Lebendigem geworden, an dem vielleicht auch andere Menschen Gefallen finden könnten, die im Meer der Eintönigkeit nach einem Ankerplatz suchten…

 

    © 06.Juni 2011, Maruschya Markovic

     Bildelemente: pixabay


Und seit einiger Zeit gibt es wieder etwas Neues auf der Geschichten-Insel:

Den Gedichtebaum!


Ich danke meinem liebem Freund und Kollegen John McLane für das wunderschöne Gedicht, das er für meine Geschichten-Insel geschrieben hat!